Transpersonale Psychologie

Literatur:

  • S. Boorstein Hrsg.: Transpersonale Psychotherapie, Scherz/Barth 1988
  • Ch.T. Tart: Transpersonale Psychologie, Walter 1978
  • Zundel/Loomans Hrsg.: Psychologie und religiöse Erfahrung, Herder 1994

Der Begriff wurde in den USA in den sechziger Jahren von den humanistischen Psychologen Maslow und Sutich und dem Psychiater und Psychoanalytiker Grof geprägt. Davor wurde er schon gelegentlich bei den Jungianern und von Assagioli benutzt. Transpersonale Psychologie "bezieht die spirituelle Dimension der menschlichen Psyche wieder ein, ohne sich auf eine bestimmte Religionsform festzulegen" (Grof). Es geht dabei nicht um Dogmen, sondern um persönliche spirituelle Erfahrung.

Theoretisch schlägt die Transpersonale Psychologie eine Brücke zwischen dem Welt- und Menschenbild der Aufklärung, dem die moderne Wissenschaft - und damit auch die Psychologie - verpflichtet ist, und der 'philosophia perennis', der 'ewigen' Philosophie, dem in allen Hochreligionen der Welt überraschend ähnlichen Welt- und Menschenbild der Mystiker, das sich aus deren religiösen Erfahrungen ergeben hat. Praktisch verbindet sie das Bemühen der modernen Psychotherapie um die "Heilung der Seele" mit dem Bemühen der jahrtausendalten spirituellen Wege (Meditation, Yoga, Kontemplation usw.) um ihr "Heil" (Dürckheim).

Das Ziel der Transpersonalen Psychologie ist, wie das der herkömmlichen, die autonome, vernünftige Person, die "lieben und arbeiten" kann (Freud). Darüber hinaus strebt sie, soweit die Bedürfnisse und Erlebnisse des Klienten und der persönliche Erfahrungs- und Erkenntnisstand des Therapeuten es zulassen, das Ziel der ewigen Philosophie an: das Bewußtsein der All-Einheit, die Erfahrung und Erkenntnis, daß das eigene innerste Wesen, der 'Funken Gottes in uns' (Eckart) eins ist mit dem Göttlichen im Kosmos. Diese Einheit als Grund, Ursprung und Ziel menschlicher Existenz erfahren und erkennen zu können, hebt ihre Isolierung und Entfremdung auf und gibt Sinn. Ständig in diesem Bewußtseinszustand zu leben gelingt allerdings in jeder Generation nur sehr wenigen Menschen.

Die amerikanische Transpersonale Psychologie ist in Theorie, empirischer Forschung und therapeutischer Praxis weitgehend Bewußtseinspsychologie. Es geht um die Entwicklung dieses Bewußtseins in der Individual- und Menschheitsgeschichte (Wilber), um veränderte Bewußtseinszustände und deren Evokation und (Heil-)Wirkung (Grof) und um Meditations- und Bewußtseinsforschung generell. Im Vergleich zur Aufmerksamkeit und Präsenz eines Zen-Meisters z.B. erweist sich unser normales Alltagsbewußtsein als suboptimal; Charles Tart nennt es 'Consensus Trance' und propagiert Aufmerksamkeitstraining. Neben den bereits genannten sind Autoren wie Ram Dass, Metzner, Walsh/Vaughan, Mindell und andere maßgeblich an der Entwicklung der Transpersonalen Psychologie in den USA beteiligt.

In Europa entwickelte der Schweizer C.G. Jung schon Anfang des Jahrhunderts seine Analytische Psychologie - er gilt allgemein als Pionier und Klassiker der Transpersonalen Psychologie und -therapie -, wenig später der Italiener Assagioli die Psychosynthese, nach dem zweiten Weltkrieg der Österreicher Viktor Frankl die Logotherapie, die Schweizer Boss und Binswanger die Daseinsanalyse, die Deutschen Graf Dürckheim und Maria Hippius Gräfin Dürckheim die Initiatische Therapie, um nur die wichtigsten zu nennen. Der Kontakt zwischen diesen älteren europäischen und den in den sechziger Jahren zur Zeit der Studenten- und New-Age-Bewegung entstandenen amerikanischen Ansätzen ist nicht immer problemlos. Es gibt jedoch Dialoge zwischen beiden und der Begriff 'Transpersonale Psychologie' ist dabei, zum Oberbegriff für alle Psychologie und -therapieansätze zu werden, deren letztes Ziel ist, "das Geistige im Menschen mit dem Geistigen im Kosmos" (Steiner) wieder zu verbinden.

Autor: Edith Zundel