Psychosynthese

Literatur:

  • Assagioli, Roberto: Psychosynthese. Handbuch der Methoden und Techniken (rororo transformation) 1993, Frankfurt a. M.
  • Ferrucci, Piero: Werde was du bist (rororo transformation) 1986, Frankfurt a. M.
  • Parfitt, Will: Psychosynthese (Aurum) 1992, Braunschweig

Eine zur Transpersonalen Psychotherapie zählende psychologische Theorie und Bewegung, begründet durch den italienischen Psychiater Roberto Assagioli (1888 - 1974). Sein Hauptanliegen war es, die transpersonalen Bereiche der menschlichen Erfahrung und die im eigentlichen Sinne menschlichen Werte wie Hingabe, Altruismus, u.a. nicht aus Trieben wie Sexualität, Macht und Aggression zu erklären, sondern sie als eigene Phänomene zu betrachten.

Das Ziel der Psychosynthese ist die Synthese verschiedener Aspekte der Persönlichkeit um das Zentrum, den Kern der Person. Dieses Zentrum ist, in der Sprache der Psychosynthese, das "Höhere Selbst" oder kurz das Selbst. Es wird als der Motor der psychischen Aktivität angesehen, als das Zentrum, von welchem aus der Prozeß der Entwicklung seinen Ausgang nimmt und unterhalten wird. Es ist dies jene Natur, welche zu erfahren Ziel und Streben aller mystischen Erfahrungstraditionen war und ist (Buddha-Natur, Brahman, Christus-Natur oder Seelenfunken).

Als Sinn der menschlichen Entwicklung wird in der Psychosynthese die Selbst-Entfaltung gesehen: nämlich daß sich das Selbst, verstanden als Quelle unseres Potentials, als Samen und Matrix unserer Zukunft, möglichst ungehindert entfalten kann und daß wir unsere Möglichkeiten zum Ausdruck bringen können.

Psychische Störungen sind in diesem Kontext zu sehen. Die Psychosynthese kennt keine eigene Pathologie-Lehre oder Neurosentheorie. Alles, was als Pathologie erscheint, kann der verzerrte Ausdruck eines höheren Strebens sein, das es freizulegen und einzurichten gilt. Alles, was recht normal und angepaßt aussieht, kann eine latente lebenslange Weigerung sein, sich seinem "eigentlichen" Wesen und damit seiner Selbstwerdung zu entziehen. Psychische Störung und Normalität sind relative Begriffe und auf das Ziel der organischen Selbst-Erfahrung hin zu sehen. Sofern diese behindert ist oder gar stagniert, werden Störungen im Sinne eines Ziel-Block-Modells behandelt.

Die Psychosynthese ist eine pragmatische Therapie, sofern sie als Therapie eingesetzt wird. Die Art des therapeutischen und methodischen Angebots hat sich stets zu richten nach der Eigenart des Klienten, nach der Besonderheit der vorgebrachten Störung und nicht zuletzt nach den Neigungen und Fähigkeiten des Therapeuten. So gesehen ist die Psychosynthese ein Verständnis- und Begriffsrahmen, in welchem der therapeutische Prozeß Sinn und Zusammenhang ergibt und der dem Verlauf einer Therapie fruchtbare Anstöße geben kann. Die Psychosynthese-Methode gibt es nicht. Sie besteht allenfalls darin, alle therapeutischen Werkzeuge nach dem Verständnis zu nutzen, welches der Psychosynthese eigen ist. Innerhalb der Psychosynthese wurden beispielsweise folgende Methoden in eigenem Stil weiterentwickelt: die Arbeit mit geleiteten Phantasien; die Übung der Desidentifikation, vielleicht die genuninste Psychosynthese-Übung; das Erden von Erfahrung und die sog. Willensarbeit; das Aktivieren von blockierenden Traumata und deren emotionale Katharsis; Übungen des Ausdrucks; Probehandeln und Tun-als-ob.

Therapeutisches Vorgehen im Rahmen der Psychosynthese hat immer folgende Kennzeichen: Sie ist prozeßbezogen und klientenzentriert. Sie erkennt das Selbst des Klienten an und sucht mit ihm nach möglichen konstruktiven Ausdrucksformen für die weitere Entfaltung dieses seines Selbst. Sie unterscheidet Problembereiche und Einsatz von Methoden nach personaler und transpersonaler Arbeit. Sie verwendet die im Klienten innewohnenden Selbstheilungskräfte systematisch, indem sie diese als transpersonale Energien anspricht und methodisch evoziert. Sie arbeitet viel mit der Kraft innerer Bilder. Sie ist ansonsten methodisch für Inspirationen anderer Therapierichtungen offen und in dieser Hinsicht unorthodox.

Autor: Aron Saltiel