Mystik

Literatur:

  • Zundel, E. (1989) Einleitung. In: Zundel, E. und Fittkau, B. (Hrsg.), Spirituelle Wege und Transpersonale Psychotherapie, Jungfermann, Paderborn, S.11-29
  • Steindl-Rast, D. (1985) Fülle und Nichts. Die Wiedergeburt christlicher Mystik. Dianus Trikont, München, S.161-188
  • Jäger, W. (1991) Suche nach dem Sinn des Lebens. Bewußtseinswandel durch den Weg nach innen. Vianova, Petersberg, S. 177-182

Griech. 'myein', "Augen oder Lippen schließen", um dadurch die äußere Wahrnehmung auszuschalten und zur inneren Erfahrung zu gelangen; 'myein' heißt aber auch "den Mund schließen", um den Uneingeweihten die Mysterien nicht zu verraten. Allgemein bezeichnet Mystik eine Erfahrung des Einsseins mit der Höchsten Wirklichkeit (Steindl-Rast, 1985). In der jüdisch-christlichen und der islamischen Tradition gipfelt die Erfahrung in der "unio mystica", in der erlebten Vereinigung mit Gott. Nontheistische Glaubenssysteme beschreiben Mystik als Einswerden mit dem Urgrund des Seins, mit der Leere, aus der alles hervorgeht (E. Zundel, 1989). Mystische Elemente treten in allen Religionen auf: im Christentum als christliche Mystik, im Judentum als Kabbalah, im Buddhismus als Zen und die tibetischen Formen, im Islam als Sufismus, im Hinduismus als Yoga. Die Momente überwältigender, grenzenloser Zugehörigkeit und die Augenblicke universellen Einsseins charakterisieren die Erfahrungen der Mystiker.

Die Transpersonale Psychologie ist seit ihren Anfängen (A. Maslow, Gipfelerlebnis) mit dem Phänomen konfrontiert, daß grundsätzlich bei allen Menschen mystische Erfahrungen auftreten können, nicht nur bei den sogenannten Mystikern, Heiligen und Meditierenden. "Schließlich ist der Mystiker keine besondere Art Mensch, sondern jeder Mensch ist eine besondere Art Mystiker" sagt der Benediktinermönch David Steindl-Rast (Steindl-Rast, 1985). Die Transpersonale Psychologie versucht die von Mystikern erlebten Phänomene in ihren Ähnlichkeiten und Unterschieden zu beschreiben und deren heilendes Potential zu nutzen. Im wesentlichen geht es dabei um die Integration von Psychotherapie und spirituellen Erkenntniswegen.

Um die mystische Erfahrung von Regressionszuständen abzugrenzen, verwendet Ken Wilber für letzteres den Begriff "präpersonal". Transpersonale Einheitsgefühle bauen auf dem Personalen (einem funktionalen und steuernden Ich) auf. Der mystische Weg wird aus transpersonaler Perspektive durch eine Ichstärkung vorbereitet (Identität, Eigenständigkeit). In der mystischen Erfahrung verbindet sich das Personale mit dem Transpersonalen. Nach diesem Verständnis hat Mystik nichts mit Weltflucht und Abkehr von der Welt zu tun, der Mystiker übernimmt Verantwortung in der Welt, weil er sich als Teil des Ganzen erkennt (W. Jäger, 1991).

Westliche Meditation: Gestalt gewonnen hat das frühe christliche Meditieren im Mönchstum. Dabei wird vor allem durch das Rezitieren biblischer Texte das innerliche Gewahrwerden der Gegenwart Gottes angestrebt. Ignatius von Loyola, die karmelitische Meditation und Franz von Sales verstärkten den affektiven Charakter der Meditation mit der Tendenz bis hin zur mystischen Vereinigung. Das Jesusgebet der Ostkirche ist weniger Gebet mit ganz bestimmten Inhalten, sondern eher Meditation mit starker psychosomatischer Komponente. In Verbindung mit dem Ein- und Ausatmen wird die Formel "Herr Jesus Christus / erbarme Dich meiner" wiederholt. Sowohl das Jesusgebet als auch Zen-buddhistische Methoden fanden Eingang in die neuere christliche Praxis (Enomiya-Lasalle, 1976). Sie bieten Zugänge zu einer unmittelbaren und wiederholbaren Erfahrung veränderten Bewußtseins.

Autor: Hermann Wegscheider