Assagioli Roberto

* 27.2.1888 in Venedig; + 23.8.1974 in Florenz,
Begründer der Psychosynthese

Wesentliche Publikationen:

  • Assagioli R (1965, 1978, 1988) Handbuch der Psychosynthese. Freiburg, Aurum; Adliswil, Verlag Astrologisch-Psychologisches Institut.
  • Assagioli R (1982, 1987, 1991) Die Schulung des Willens. Paderborn, Junfermann.
  • Assagioli R (1988, 1992) Psychosynthese und transpersonale Entwicklung. Paderborn, Junfermann.

Literatur zur Person:

  • Hardy J (1987) A psychology with a soul. London, Arkana/Routledge and Kegan Paul.
  • Ferrucci P (1984) Werde was Du bist. Basel, Sphinx/Hamburg, Rowohlt.

Stationen seines Lebens: Sohn jüdischer Eltern; mit 2 Jahren verlor er den Vater, seine Mutter Elena Kaula heiratete 1891 Dr. Emanuele Assagioli; 1904 Abitur; 1905 Umzug der Familie nach Florenz, dort Studium der Medizin; 1905 beginnende Auseinandersetzung mit Freud; 1906 erste Publikation; Beschäftigung mit mystischen Autoren, sichtbar an der Übersetzung und Einleitung eines Werkes von Johann Georg Hamann; 1909 liegen die ersten Grundlagen der Psychosynthese in zwei Artikeln bereits vor, anschließend intellektuelle Auseinandersetzung mit Freud, aktive Teilnahme am intellektuellen und philosophischen Leben in Florenz;1907-1910 Doktorarbeit über Psychoanalyse, Mitglied der Freud-Gesellschaft Zürich und der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung als einziger Italiener, Artikel im Jahrbuch für Psychoanalytische Forschung und im Zentralblatt für Psychoanalyse, Gründungsmitglied der italienischen psychologischen Gesellschaft; 1911 Beitrag über das Unbewusste auf dem IV. Internationalen Kongress für Philosophie in Bologna; 1912-1915 Gründung und Herausgabe der Zeitschrift "Psiche"; 1922 Heirat mit Nella Ciapetti, 1923 Geburt des Sohnes Ilario; 1926 Gründung des "Istituto di Cultura e di Terapia Psichica" in Rom, ab 1933 umbenannt in "Istituto d Psicosintesi" mit eigenen Kursen; 1930 Beitritt zur Arcana-Schule von Alice Bailey; 1940 Verhaftung durch die Faschisten wegen pazifistischer Aktivitäten; 1951 stirbt sein Sohn; Gründung einer italienischen Union für fortschrittliches Judentum; Ende der 50er Jahre Neugründung des Instituts für Psychosynthese in Florenz; 1957 Gründung der „Psychosynthesis Research Foundation“ in Delaware, USA; seit 1957 jährliche Tagungen in verschiedenen europäischen Ländern und Ausbreitung über Europa; seit 1969 Mitglied des Herausgebergremiums des "Journal of Transpersonal Psychology"; in seinen letzten Lebensjahren Besuch verschiedener Psychotherapeuten und "Sucher" aus dem "Human Potential Movement", die die Gedanken und Methoden Assagiolis in ihre Arbeit integrieren oder eigenständige Institute für Psychosynthese in den Vereinigten Staaten und Europa gründen.

Wichtige theoretische Beiträge und Orientierungen: Assagiolis Absicht war es, eine Psychologie für das 20. Jahrhundert zu entwerfen, in der sowohl die Erkenntnisse der Psychoanalyse und der modernen Psychologie Platz haben, als auch die Weisheit der spirituellen Traditionen, und zwar in einer Sprache und theoretischen Konzeption, die für Menschen unterschiedlicher Weltanschauung, theoretischer Ausrichtung und kulturellem Hintergrund akzeptabel wäre. Aus diesem Grund hat er auch fast alle neuen psychologischen Strömungen seiner Zeit, soweit sie ihm bekannt waren, integriert und auch seine Schüler dazu angehalten, dasselbe zu tun. Die einzige Weltanschauung, die Assagioli mit der Psychosynthese inkompatibel findet, ist eine materialistische.

Die Psychosynthese ist eine transpersonale Psychologie insofern, als sie von einem spirituellen Wesenskern des Menschen ausgeht, den die mystischen Traditionen den "Seelenfunken" genannt haben und den Assagioli das "Höhere Selbst" nennt, ein Begriff der wohl aus der Theosophie kommt. Assagioli griff Freuds Lehre vom Unbewussten auf, grenzte aber von der Freudschen Begrifflichkeit des Unbewussten, das er das tiefere Unbewusste nannte, das "höhere Unbewusste" ab, das er als eine Art Reservoir "höherer" d.h. transpersonaler Inhalte ansah, zu denen er Qualitäten wie Liebe, Wille, Mitgefühl, Mut, Intuition und Inspiration, Schönheit, Geduld, u.ä. rechnete. Das Leben sah Assagioli als eine Entwicklungslinie der Selbstverwirklichung, in welcher der je eigene innere Wesenkern oder die innere Bestimmung zum Ausdruck zu bringen wäre. Dies ist gleichzeitig immer auch Selbsthingabe an ein größeres Ganzes. Die Psychosynthese versteht sich in diesem Sinne als eine Hilfe zur Selbstwerdung. Das kann, je nach persönlichem Standort, zunächst klassische Psychotherapie sein. Deswegen ist Psychosynthese eher als Meta-Psychologie oder zusätzliche Qualifikation zu verstehen, denn als eigenständige psychotherapeutische Schule. In dieser sog. personalen Psychosynthese geht es darum, jene Hemmnisse, die aus traumatisierenden Erfahrungen oder mangelnden Lernerfahrungen der Vergangenheit stammen, aufzulösen. Schlichte Leid- und Symptomfreiheit ist aber nicht Ziel, vielmehr beginnt dort erst der eigentliche Weg der transpersonalen Psychosynthese, dies heißt, Zugang zu seinen eigenen inneren Quellen und ein Wissen um die eigene Lebensaufgabe zu erhalten und diese in die Wirklichkeit umzusetzen. Insofern ist die Psychosynthese eine moderne säkularisierte Form und ein Destillat verschiedener spiritueller Wege.

Besonderen Wert legte Assagioli dabei auf den Willen, der erst in der modernen Selbststeuerungspsychologie wieder Aufmerksamkeit erlangt hat. Er hebt hervor, dass ein geschulter Wille zentral für die theoretische und praktische Psychologie der Entwicklung ist. Denn es bedarf nicht nur der Einsicht in Zusammenhänge und der Vorsätze, sein Leben in Verantwortung und Freiheit neu zu gestalten, sondern auch der praktischen Fähigkeit hierzu. Dies geschieht durch eine Analyse und gezielten Einsatz der Selbststeuerungsfunktionen, die gemeinhin Wille genannt werden.

Die Psychosynthese kennt kein eigenes psychopathologisches Störungskonzept. Assagioli lehnte sich vielmehr an das Jungsche Konzept der Komplexe an, die bei ihm als "Teilpersönlichkeiten" wieder auftauchen. Diese versteht man vermutlich am besten, wenn man sie als Vorläufer des modernen Schema-Begriffs nimmt.

Die Elemente der therapeutischen Arbeit sind vielfältig und eklektisch: Häufig werden Imaginationen und kreative Medien eingesetzt. Hier besteht Nähe zu Ansätzen des katathymen Bilderlebens, wenngleich die Imaginationsarbeit Assagiolis ihre Quelle wohl eher in esoterischen Traditionen hat. Aber auch sehr strukturierende, verhaltensnahe Interventionen werden eingesetzt. Insgesamt ist die Psychosynthese als Methode pragmatisch. Psychische Probleme werden dort bearbeitet, wo sie auftauchen. Deshalb ist die Psychosynthese kompatibel mit sehr vielen therapeutischen Schulen und bietet sich als integratives Modell an.

Autor: Aron Saltiel & Harald Walach